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Die hier vorgestellten Programme sind Beispiele von Konzertabenden mit Chambre d'écoute. Wir möchten Ihnen gerne eine Idee von unseren thematischen Konzepten geben. Diese Programme repräsentieren nur einen Ausschnitt aus unserem Repertoire.

 

 PROGRAMM 1:                        <seul / ensemble>

 Das Programm <seul / ensemble> verknüpft vier Werkpaare, in denen sich jeweils ein Solo und ein Trio begegnen.

Hinter der schematisch anmutenden Abfolge verbergen sich höchst eigentümliche Konstellationen musikalischen Verhaltens. Da gibt es zum einen vier sehr unterschiedliche „Vereinzelungen“ auf der Bühne: ein Oboensolo von beklemmender Körperlichkeit und Unvertrautheit des Klanges, ein Klaviersolo von irritierender Leisheit und Weltferne, ein Violoncellosolo, das auf einer einzelnen Saite keinen Halt und kein Halten findet, ein Solo für Birkhahnlocker, das in einer Fauch- und Rausch-Orgie die Vögel vergessen lässt, denen es sich verdankt.

Die befremdlichen Oboenklänge von Heinz Holliger spiegeln sich akustisch in denen der präparierten Luftballons von Michael Maierhof, die zu dritt beinahe wie ein frühbarockes consort auftreten. Beat Furrers introvertierte Klavierklänge dagegen erwachen unsanft in der ungeschminkten „Diesseitigkeit“ der Klänge und Bilder von Martin Schüttler. Die gleitenden Celloklänge von Simon Steen-Andersen sind wiederum das Resultat einer radikalen Konzentration – wenngleich von anderer Art als diejenige, die zu Jörg Mainkas gestalthaft gebündelter „kreisender Entwicklung“ führt. Robin Hoffmanns virtuos-gebrochene musikalische Kolonialisierung des Birkhahns geht am Ende eine vertraut-groteske Beziehung mit der Schumann-Reflexion seines (wie Martin Schüttlers) ehemaligen Lehrers Nicolaus. A. Huber ein.

Auf wie unterschiedliche Weise man auf der musikalischen Bühne >allein< und (jenseits aller Kammermusik) >zusammen< sein kann, macht dieses Programm erlebbar.

Heinz Holliger

*1939

Studie über Mehrklänge (1971)

für Oboe

 

Michael Maierhof

*1956

shopping 4 (2005/06)

für 3 Spieler

 

Beat Furrer

*1954

Voicelessness. The snow has no voice (1986)

für Klavier

 

Martin Schüttler

*1974

Soforterlös (2010)

für Oboe, Cello, Klavier, TV-Geräte, Plexiglasscheibe & Pistolen

 

 

Pause

Simon Steen-Andersen

*1976

Study for String Instrument #1 (2007)

Version für Violoncello

 

Jörg Mainka

*1962

transformation tournante (2010)

Musik für Oboe, Violoncello und Klavier

 

Robin Hoffmann

*1970

Birkhahn-Studie (2005)

für Birkhahn-Locker

 

Nicolaus A. Huber

*1939

Demijour (1985/86)

für Oboe, Violoncello und Klavier

 

 

PROGRAMM 2:                           <resonanzen>

<resonanzen> ereignen sich, wenn gleichartige Eigenschaften Verschiedenes zueinander in Beziehung treten lassen. Dieses Programm ist eine Versuchsanordnung, die möglichen Resonanzen zwischen den Klangerzeugern, den kompositorischen Ideen sowie der Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts und der Gegenwart nachspüren will. Das Instrumentarium des 18. Jahrhunderts ist vertreten durch den Nachbau eines historischen Hammerflügels, dasjenige der Gegenwart durch „moderne“ Instrumente, die stets mit technischen Mitteln klanglich erweitert oder ergänzt werden. Robin Hoffmanns Birkhahnstudie zeigt darüber hinaus die gegenwärtige Freiheit, Instrumente durch den kompositorischen Einsatz von >musikfremden< Gegenständen überhaupt erst zu definieren. Michel van der Aa und Walter Feldmann bedienen sich der Möglichkeiten von Zuspielung und Live-Elektronik, um ihre Vorstellung eines musikalischen Instruments im weiteren Sinn zu realisieren. In beiden Fällen werden auch Bewegungen unmittelbar zum kompositorischen Gegenstand. Wo liegen die Grenzen des „Musikalischen“? Ist die Choreographie einer Bewegung „musikalisch“? Und: ist sie das auch im Umgang mit Musik der Vergangenheit? Die Interpretation von Klavierwerken des 18./19. Jahrhunderts bietet Gelegenheit zu eigener Beobachtung.

Während van der Aa sein Stück ursprünglich gezielt auf eine Realisierung mit Tanz hin angelegt hat, so kommt das Bewegungsmoment in den rahmenden Trio-Kompositionen ganz unmittelbar zu sich: Nicolaus A. Huber synchronisiert in seiner Clash Music eine beliebige Anzahl von Becken-Spielern, deren Bewegungskoordination mindestens so viel Anteil an der musikalischen Gestaltung hat wie der Klang, den sie erzeugen. Und Thierry de Mey schließlich inszeniert ein veritables Ballett für sechs Hände auf einer Tischplatte. Resonanzen – buchstäbliche und solche im übertragenen Sinn – bleiben da nicht aus.

 

Nicolaus A. Huber

*1939

Clash Music (1988)

für 3 Beckenpaare

 

Wilhelm Friedemann Bach

1710-1784

Fantasia in a Falck Verzeichnis 23 (Entstehungsjahr unbekannt)

für Hammerflügel

 

Walter Feldmann

*1965

Le sexe du noyé (1995)

für Oboe und Live-Elektronik

 

Franz Schubert

1797-1828

Moment Musical  C-Dur D 785 Nr.1 (zwischen 1823 und 1828)

für Hammerflügel

 

Robin Hoffmann

*1970

Birkhahnstudie (2005)

für Birkhahn-Locker

 

P A U S E

Michel van der Aa

*1970

Oog (1995)

für Violoncello und Zuspielung

 

Ludwig van Beethoven

1770-1827

Sonate No.14 cis-moll op.27 No.2 (1801)

für Hammerflügel

Adagio sostenuto  - Allegretto - Presto Agitato

 

Thierry de Mey

*1956

Musique de Tables (1987)

für 3 Spieler

  
   

 

 

 PROGRAMM 3:                      <Wechselwirkung >

                                                   L. v. Beethoven und N. A. Huber im Doppelportrait

 

Ludwig van Beethovens Bagatellen-Sammlung op.119 ist keineswegs ein geschlossenes Werk aufeinander bezogener Einzelstücke. Verschiedenste Entstehungsgeschichten und musikalische Perspektiven treffen hier zusammen. Diese „Kleinigkeiten“ erweisen sich als äußerst facettenreicher, experimentierfreudiger und teils rätselhafter Kosmos im Kleinen. Solche Eigenschaften wirken in den Kompositionen jüngerer Autoren weiter, die die Geschichte der Bagatelle als Typus im 20. Jahrhundert fortgeschrieben haben. Hier ist neben Webern, Ligeti, Kurtág oder Pesson vor allem Nicolaus A. Huber zu nennen.

Das hier vorgestellte Programm lässt seine Kompositionen mit Bagatellen von Beethoven in „Wechselwirkung“ treten und realisiert damit gleichsam den Titel einer von Hubers Kompositionen für Solo-Cello. Die Oboen-Komposition „Vor und zurück“ entspricht zwar nicht dem „Format“ einer Bagatelle, knüpft dafür aber inhaltlich an Beethoven an, indem sie sich zur Gänze aus einer Beethoven’schen „Kleinigkeit“, nämlich einem dreitönigen rhythmischen Motiv, entwickelt. Zwei Trio-Kompositionen von Huber in ungewöhnlicher bzw. variabler Besetzung thematisieren den Aspekt des Zufällig-Gelegenheitshaften, ad-hoc-Entstandenen, der die Vorstellung von einer „Bagatelle“ mitprägt.

In der Realisierung von „Töne suchen einen Autor“ finden die drei Instrumente des Abends (moderne Oboe, modernes Cello und historischer Hammerflügel) zusammen. Dieser „Trialog“ der Instrumentalfarben setzt sich fort in der mehrfachen kompositorischen „Lektüre“ (= Bearbeitung) einer der Beethoven’schen Bagatellen fort, die das Gesamtprogramm interpunktieren.

Das letzte Werk des Abends (Clash music) scheint augenzwinkernd zu fragen, inwiefern es sich bei den verschiedenartigen Begegnungen dieses Programms nicht auch um inszenierte „Zusammenstöße“ handelt…

 

Ludwig van Beethoven

11 Bagatellen op.119 (1820-22)

Ø        Nr.1 g-moll, Allegretto

 

Nicolaus A. Huber

Wechselwirkung (2007) für Violoncello

Ø        Nr.1 “Wittener Husten”

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.2 C-dur, Andante con moto

 

Nicolaus A. Huber

Wechselwirkung

Ø        Nr.2 “Wittener PorträtErinnerungen”

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.3 D-dur, à l’Allemande

Ø        Nr.4 A-dur, Andante cantabile

 

Nicolaus A. Huber

Wechselwirkung

Ø        Nr.3 “wenn Totenstille”

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.5 c-moll, Risoluto

 

N. N

Umschreibung/Durchschrift

der Bagatelle op.119 Nr.6 für 3 Spieler

Ø        1. Zustand

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.6 G-dur, Andante - Allegretto leggiermente

 

N. N.

Umschreibung/Durchschrift

der Bagatelle op.119 Nr.6

Ø        2. Zustand

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.7 C-dur, Allegro ma non troppo

Ø        Nr.8 C-dur, Moderato cantabile

 

Nicolaus A. Huber

Wechselwirkung

Ø        Nr.4 “Sand”

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.9 a-moll Vivace assai ed un poco sentimentale

Ø        Nr.10 A-dur, Allegro

 

Nicolaus A. Huber

Wechselwirkung

Ø        Nr.5 “Selbstbesichtigung”

 

Ludwig van Beethoven

Bagatellen op.119

Ø        Nr.11 B-dur, Andante ma non troppo

 

 

- Pause -

 

Nicolaus A. Huber

Töne suchen einen Autor (1988)

für variable Besetzung und obligate Windmaschine WoO

 

N. N.

Umschreibung/Durchschrift

der Bagatelle op.119 Nr.6 für 3 Spieler

Ø        3. Zustand

 

Ludwig van Beethoven

Klavierstück B-dur WoO 60 (1818)

Ziemlich lebhaft

 

Nicolaus A. Huber

Vor und zurück (1981)

für Oboe

 

Ludwig van Beethoven

Klavierstück h-moll WoO 61 (1821)

Allegretto

 

N. N.

Umschreibung/Durchschrift

der Bagatelle op.119 Nr.6 für 3 Spieler

Ø        4. Zustand

 

Nicolaus A. Huber

Clash music (1988) für Beckenpaare

       

 

 


 

 

Programm 4:                        < Schumann Dämmerung>

 

 

 

Die Musik Robert Schumanns ist neben der von Franz Schubert vielleicht diejenige, die die vielfältigsten Behandlungen erfährt, wenn sich Komponisten der Gegenwart dem 19. Jahrhundert zuwenden. Zwei ganz unterschiedliche Anknüpfungen dieser Art stehen im Zentrum dieses kammermusikalischen Programms.

Der Genretitel „Romanze“ tritt in Schumanns Instrumentalwerk mehrfach auf. 1853 komponierte Schumann einen fünfteiligen Romanzen-Zyklus für Violoncello und Klavier, der jedoch nie veröffentlicht wurde. Clara Schumann hat die Partitur 40 Jahre nach ihrer Entstehung vernichtet. Heinz Holliger bezieht sich auf dieses unbekannte Werk, indem er im Jahr 2003 mit „Romancendres“ eine Musik über Musik schrieb, die nur als Phantom existiert. Die Verquickung der französischen Wörter romances (= Romanzen) und cendres (= Asche) bezeichnet dieses ebenso eigenartige wie poetische Vorgehen bereits im Titel. Abgeschlossen wird der erste Programmteil durch ein (gleichfalls fünfteiliges) Klavierwerk Schumanns aus demselben Jahr 1853. Es trägt irritierende Züge wie vieles in seinem Spätwerk. Nicolaus A. Huber wählt wie Holliger einen französischen Werktitel, der in diesem Fall die unmittelbare Übersetzung eines Liedtitels aus Schumanns Liederkreis ist: demijour = Dämmerung, Zwielicht. Die innermusikalische Mehrdeutigkeit und verschiedenartige „Ausleuchtbarkeit“ des Originals deutlich durch die inhaltlichen und stilistischen „Interpretationen“ des Liedes durch die Instrumente. Hubers Trio-Komposition stellt in radikaler Klangsprache eine „Übersetzung“ kompositorischer Ansätze bei Schumann ins späte 20. Jahrhundert dar.

 

Robert Schumann

1810-1856

Drei Romanzen op.94 (1849)

für Oboe und Klavier

 

 

Heinz Holliger

*1939

Romancendres (2003)

für Violoncello und Klavier

 

 

Robert Schumann

Gesänge der Frühe op.133 (1853)

für Klavier

 

 

 

Pause

 

Robert Schumann

„Zwielicht“ aus dem Liederkreis op.39 (1840)

in verschiedenen instrumentalen Transkriptionen

 

 

Nicolaus A. Huber

*1939

Demijour (1985/86)

für Oboe, Violoncello und Klavier

 

 

 

 

Programm 5:                           <beyond instruments>

 

 

In der Musik der Gegenwart spielt die Suche nach und die Erkundung von unerschlossenen Klangerscheinungen eine wichtige Rolle. Während einerseits der Gebrauch erweiterter Spieltechniken auf traditionellen Instrumenten zur selbstverständlichen Praxis wird, erfahren andererseits die Klangerzeuger selbst vielfältige „Erweiterungen“ technischer oder medialer Art.

Das Programm stellt verschiedene Ansätze instrumentaler und vokaler „Entgrenzung“ vor, die auf  unterschiedlichste Weise das Denken der jeweiligen Komponisten beeinflussen. Michel van der Aa und Luigi Nono stellen den Instrumenten auf Tonträgern fixierte Klangschichten zur Seite, mit denen sich Verschmelzungen, Antagonismen und Modulationen ergeben. Walter Feldmann stattet die Oboe elektronisch mit einer sostenuto-Wirkung aus, wie sie beim Klavier durch das Pedal hervorgerufen wird. In Christian Kempers neuem Stück werden Sprachlaute und Instrumentalklänge wechselseitigen Annäherungen und Abstoßungen ausgesetzt. Mark Barden führt dagegen drei Stimmen in einem beklemmenden Hörraum zusammen, wo sie sich fern von Sprache und Gesang artikulieren müssen. Schließlich nimmt Martin Schüttler eine radikale Erweiterung der kammermusikalischen Situation vor, indem er sie durch audiovisuelle Zuspielungen, den Zusammenprall heterogenster Elemente und eine theatralisch aufgeladene Coda gleichsam sprengt. Alle Werke des Programms beantworten so auf ihre Weise die Frage nach dem Wesen und dem Ort von Instrumental- bzw. Stimmklängen in der Gegenwartsmusik neu.

 

 

Walter Feldmann

*1965

Le sexe du noyé (le noyé 3) (1995)

für Oboe und Live-Elektronik

 

Michel van der Aa

*1970

Oog (1995)

für Violoncello und Zuspielung

 

Christian Kemper

*1969

Neues Werk (2011/12) (UA)

für Oboe, Violoncello, Klavier und Zuspielung

 

 

Pause

 

Mark Barden

*1980

Chamber (2006/07)

für drei (unausgebildete) verstärkte Stimmen

 

Luigi Nono

1924-1990

…sofferte onde serene… (1976)

für Klavier und Tonband

 

Martin Schüttler

*1974

Soforterlös (2010)

für Oboe, Cello, Klavier, TV-Geräte, Plexiglasscheibe & Pistolen